Zwischen William Shakespeare und Christopher Marlowe

Zwischen William Shakespeare und Christopher Marlowe

17. März 2019 0 Von Claudia

Ein moderner Mythos (urban legend) ist die nicht wahre Story eines geschichtlichen Ereignisses oder ner historischen Person, die sich verbreitet (hat).

Ein Mythos über Shakespeare (1564 – 1616) ist, dass es ihn nie gegeben hat. Seine Stücke wären von einem Adeligen geschrieben worden, der anonym bleiben musste, da das Stücke Schreiben seines Standes unwürdig war – oder wars sogar Elisabeth I. (1558 – 1603)? Ein Kandidat dafür wäre auch Christopher Marlowe. Der war ein Spion und wurde bei einer Witshaus-Degen-Stecherei erstochen kurz bevor Shakespeare als Schriftsteller groß raus kam – aber … was, wenn Marlowe seinen Tod inszeniert habe und abgetaucht und seine Werke unter dem Namen William Shakespeare veröffentlicht hätte?!

Also, ich diesen letzten Mythos kann ich widerlegen – indem ich nen neuen Mythos schaffe: Den vom eifersüchtigen Shakespeare!

„Was hatte ich nur getan um eine moderne Variante von Faust sehen zu müssen?“, fragte ich mich fassungslos, als ich das Swan-Theatre verließ.

Doch zurück auf Anfang: Ich hatte mich in diesem Jahr mit Faust beschäftigt, von den mittelalterlichen Mythen, über Doctor Faustus von Christopher Marlowe (1564 – 1593) bis hin zu Goethes Faust und weiteren Faust-Interpretationen u.a. Thomas Mann. Nein, gelesen hab ich das alles nicht, aber ein Buch, das alles angerissen und zusammengefasst hat. Goethes Faust hatte ich in einer klassischen Form auf DVD gesehen und in einer modernen Form im Stadttheater Regensburg, die mich tatsächlich mehr überzeugt hat. Allerdings ist Goethes Faust ein weinerliches Etwas in der Midlife Crises und so was von unsympathisch. Schrecklich!

Ich wandte mich daher Christopher Marlowe’s Doctor Faustus zu. Auf DVD sah ich eine klassische Aufführung mit mittelalterlichen Kostümen aus dem Globe Theatre in London und fand es klasse. Diesen Faust mag ich! Ich freute mich daher total dass die Royal Shakespeare Company (dieser link führt direkt zur Website der Royal Shakespeare Company in Stratford-Upon-Avon) Marlowe’s Faust in Stratford-upon-Avon auf die Bühne brachte. Alles was ich bisher dort gesehen hatte fand ich fantastisch und daher reiste ich im März 2016 hin, um mir Doctor Faustus anzusehen.

Am Anfang war alles fantastisch. Die beiden Schauspieler, die Doctor Faustus und Mestopheles spielten zündeten Streichhölzer an und je nachdem welches zuerst erlosch spielte mal der eine und mal der andere Doctor Faustus oder Mestopheles. Beide trafen sich und ich genoss zu sehen wie sie ins Geschäft kamen. 

Doch dann kam der Punkt an dem ich mich fragte was ich verbrochen hatte um hier bei der Royal Shakespeare Company, wo ich bisher noch von jeder Aufführung total begeistert war, so was modernes zu sehen? Versteht mich nicht falsch, ich habe das Stück nicht gehasst, aber es gab eben Szenen und Kostüme und Darstellungsweisen mit denen ich so überhaupt nichts anfangen konnte. 

Ich mochte zum Beispiel den weiblichen Satan und die sieben Todsünden, aber dann lief für mich plötzlich alles falsch. Es wurde seltsam und verrückt mit Kostümen, die wie Ganz-Körper-Kondome aussahen, mit verdeckten Gesichtern und verrückt agierenden Darstellungen. Und dann die Szene mit Faust und Helena, ich verstands einfach nicht … 

„Was hatte ich nur getan um eine moderne Variante von Faust sehen zu müssen?“, fragte ich mich nochmals, als ich nach dem Verlassen des Swan-Theatres an der Statue von Young Shakespeare vorbei. Ich sah ihn an, den jungen Shakespeare – und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Klar, ich war nach Stratford-Upon-Avon gereist, in Shakespeare’s Stadt und hatte die Frechheit mir nur ein Stück von Christopher Marlowe anzusehen. Shakespeare wusste das und das war die Strafe, dass ich ihn und seine Werke so sträflich vernachlässigt hatte. 

Drei Jahre später, im März 2019, hatte ich dieses traumatische Erlebnis gut verarbeitet und wagte mich an ein weiteres Stück von Christopher Marlowe.

Dieses mal reiste ich nach London um im Sam Wanamakers Playhouse Im Christopher Marlowe’s Stück Edward II anzusehen. Ein Stück von Marlowe, inszeniert von ‚Shakespeare’s Globe‘ Theatre (dieser link führt direkt zur Website des Globe Theatre in London)…

Die Schwierigkeiten begannen diesmal bereits vor dem Stück – bei der
Kleiderfrage. Ich hatte die Tage zuvor den Thames Path abgeschlossen und natürlich nur Wandersachen dabei. In Bath versuchte ich Klamotten fürs Theater zu kaufen, aber das gestaltete Ansicht als schwieriger als gedacht. Am Ende musste ich mit Wanderhose und Billig-Sneakern ins Theater. Doch vor Ort stellte sich raus, dass ich nicht underdressed war. Ich war mit meiner sportlicheren Kleiderwahl in guter Gesellschaft.

Das Globe Theatre hatte einige Tage vor der Vorstellung gewarnt: ‚Full male nudity‘ und Gewalt würden auf die Bühne gebracht. Oder war diese E-Mail der Versuch Shakespeare’s mich vom Theaterbesuch abzuhalten? Aber Gewalt kenne ich ja aus Shakespeare’s eigenen Stücken und bezüglich der ’nudity‘ bin ich durchs Stadttheater Regensburg ja bestens vorbereitet 😉

Kurz vor der Aufführung lese ich nach: Das Stück Edward II (einer der Plantagenets) handelt von dessen Leben, als er die Krone übernimmt bis sein Sohn Edward III den Tod seines Vaters rächt. Berthold Brecht hat es als Grundlage für sein Stück „Das Leben des Eduard des Zweiten von England“ genommen. Ob ich dessen Variante auch mal zu sehen krieg?

Nach Edward III kommt dann Richard II über den Shakespeare ein Stück geschrieben hat und das erste Shakespeare-Stück, dass ich in Englisch auf der Bühne gesehen hab. Damals (2013 glaub ich war das) war ich vorbereitet und hatte das Stück gelesen und auf DVD gesehen. Nun geh ich praktisch blank in die Vorstellung.

Das Theater selbst ist absolut cool! Bis Vorstellungsbeginn hab’s bei den Sitzen noch elektrische Beleuchtung, sobald die Vorstellung begann ist diese erloschen und die Bühne wurde nur von Kerzen beleuchtet. Sechs hängende Leuchter, seitlich an den Pfosten, Kerzenständer auf der Bühne und in den Händen der Schauspieler. Überraschenderweise machen auch wenig Kerzen gutes Licht. Ich bin total hin und weg, und als ich in der Pause meinen Nachbarn so zuhöre gehts diesen genau so. Das ist ja super, so mit Kerzen ausgeleuchtet! Gigantisch!

Auf das Stück habe ich total genossen. Wie ich schon beim Doctor Faustus festgestellt hatte, ist die Art der Sprache und wie das Stück abläuft praktisch so wie bei Shakespeare. Ich jedenfalls kann’s nicht auseinanderhalten – und verstand daher Edward II so viel wie ich bei einem Shakespeare-Stück verstanden hätte. Also ausreichend, so dass ich dem Stück folgen kann und auch die meisten Witze verstehe, die im Drama eingeflochten sind.

Ja, das Theater selbst und das Stück waren super, aber … Ja, es gibt ein „aber“, denn da der Sitzbereich so eng war standen die riesigen Füße meines Hintermanns über und ich hatte seine Fußstpitzen öfter mal im Kreuz. Oh Mann, womit hab ich das nur verdient, dass ich Füße im Kreuz habe? Oh …

Erkennt ihr das Muster? Shakespeare rächt sich dafür in seinen Theatern Stücke von Marlowe anzusehen! Die beiden waren also definitiv niemals die gleiche Person. Quod erat demonstrandum!