Magic Road

Magic Road

20. August 2018 6 Von Claudia

September 2017 in Irland’s Süden. Ein Radl-Abenteuer von ca. 55 km und ein paar unerwarteten Höhenmetern. 

Am Morgen wurde ich vom Regen aus dem Schlaf gerissen, so laut prasselt dieser an mein Fenster und die angrenzenden Gebäude . „Der Tag geht ja gut los,“ dachte ich, „ich wollte doch radeln!“ 

Nach dem Frühstück guckte die Sonne immer wieder mal zwischen den Wolken hervor. Dann regnete es mal wieder, aber weit leichter. Ich zog die wasserdichten Klamotten an und zog los zum Radlverleih. Für 20 € hatte ich das Rad von kurz nach 10 Uhr – bis längstens 18 Uhr. Na, dann los!

Auf Grund des Regens hatte ich mich entschlossen den Greenway, der entlang einer ehemaligen Bahnstrecke von Dungarvan nach Waterford (48 km) führt, entlangzuradeln. Hier kann ich jederzeit abbrechen und wieder zurückradeln und es soll Viadukte und einen Tunnel zu sehen geben und ein paar Einkehrmöglichkeiten entlang der Strecke.

Der Greenway führte erst am Meer entlang. Regen an. Kapuze rauf. Regen aus. Kapuze runter. Regen an. … Aber hiervon lies ich mir meine gute Laune natürlich nicht verderben. Zügig radelte ich voran.

Es ging weg vom Meer und der Weg führte den Hügel hinauf. Die Berge zu meiner linken waren hinter den Wolken versteckt, doch zum Meer zu meiner rechten war der Blick frei. Ich sehen einen Strand und ein Stück weiter donnern Wellen gegen die Klippen. Ja, das ist mein Irland! 

Dann radle ich durch das Hinterland. Wiesen, ein paar Bäume, mal ein Haus. Plötzlich führte der Weg in eine Schlucht hinein. Farn, Moos und andere Pflanzen bedeckten die Felswände. Ich lies mir Zeit und radelte ganz langsam um es zu genießen. Klar, dass hier Feen wohnen! 

Am Ende der Schlucht gings durch einen Tunnel und dann ein Stück weiter über ein Viadukt – immer weiter, den Greenway entlang.

Nach etwa 18 km plötzlich ein Schild. Links gehts lang zu den Mahon Falls. Soll ich oder soll ich nicht? Soll ich dem sicheren Greenway folgen oder soll ich mich ins Abenteuer stürzen? Hey, was soll die Frage? Entschlossen folgte ich dem Schild. Sind ja nur 7 km!

Entlang von praktisch nicht befahrenen Straßen fuhr ich hinein in die Berge. Erst gings nur mäßig bergauf und es radelte sich ganz gut. Es ging einen schäumenden Gebirgsbach entlang, naja, mehr oder weniger am Bach entlang – und hier musste ich das Radl ein erstes mal ein ganzes Stück bergauf schieben bis ich wieder weiterradeln konnte. Da ich meine Powerbank vergessen hatte wollte ich den Akku meines Telefons schonen und hatte die App nicht laufen. Ich hatte keine Ahnung wie lange ich schon geradelt war. Sind 7 km echt so weit?

Irgendwann dachte ich dann ans umkehren. Doch dann sah ich ein Schild, das (ohne Kilometerangabe) zum Wasserfall wies. Na dann, weiter! Ein ganzes Stück gehts leicht bergauf und dann flach weiter und grad als ich wieder aufgeben will, sehe ich wieder ein Schild. Diesmal geht’s rechts weg. Also, weiter! 

Es geht wieder bergauf. Als ich ein Viehgatter überquere,  bin ich überzeugt, dass es nicht mehr weit sein kann bis die Wasserfälle kommen.

Ja, das ist wirklich eine Magic Road!“, freue ich mich, als ich den Stein am Straßenrand stehen sehe! Tolle Landschaft! Der Wald lichtet sich langsam und ich sehe Grasflächen und Schafe – und da hinter der Kurve kommt bestimmt gleich der Wasserfall! Da bin ich mir sicher!

Ich fahre ein Stück bergauf, aber als ich mich dem Feenbaum nähere, nehme ich die Gelegenheit wahr abzusteigen und diesen zu fotografieren. Unter Feenbäumen wohnen Feen. Diese Bäume darf keiner fällen, auch wenn sie bereits abgestorben sind. Durch kleine Geschenke (Stoffreste an den Baum gebunden) kann man sich die Gunst der Feen erwerben. Jetzt im Nachhinein frage ich mich natürlich ob dann der Wasserfall wirklich um die Kurve gelegen hätte, wenn ich den Feen etwas geschenkt hätte?!

Jedenfalls lag hinter der Kurve für mich ein weiterer Anstieg, den ich das Fahrrad wieder hinaufschiebe, denn es geht weiterhin  recht steil bergan. In der Ferne sehe ich Wasserfälle. Nö, die können das ja nicht sein. Ist ja viel zu weit weg – oder?

Als ich die Bäume ganz hinter mir gelassen habe blicke ich zurück. Boh, das ist ne Aussicht – äh, ich bin auf Meereshöhe gestartet und komme somit von ganz da unten! Kein Wunder, dass ich das Fahrrad schieben muss, wenn ich so hoch hinaus will.

Ich bin nun wirklich erschöpft. „Nur noch um diese Kurve da, dann kehre ich aber um!“, beschließe ich daher und dann sehe ich den Parkplatz. „Na gut, dahin schaff ichs auch noch!“Am Parkplatz steigen gerade ein paar Leute aus ihrem Camper aus. Ich ernte verwunderte Blicke. Ob ich wirklich mit dem Rad hier raufgefahren sei? Grinsend sag ich erst mal ja, gebe dann aber zu, doch ein gutes Stück geschoben zu haben.

Ich schau mir die Hinweisschilder an. Von hier aus führt ein etwa 2 km langer Trail bis zum Wasserfall. Ein Stück wage ich mich noch vor, aber die Wolken ziehen sich über dem Hügel recht dunkel zusammen und es beginnt zu nieseln. „Den Berg runterfahren wenn es richtig nass ist und dann mit nassen Bremsen?“ Nein, diesmal war es wirklich an der Zeit umzukehren.

Ich kehre also den dunklen Regenwolken den Rücken zu und los gehts. Bergab! Bremsen! Als ich beim Viehgatter ankomme, tun mir bereits die Hände weh vom bremsen. Doch es geht weiter so steil bergab, dass die Bremsen praktisch im Dauerbetrieb sind. Dann komme ich am ‚Punkt der Entscheidung‘ an, wo ich – bei nunmehr strahlendem Sonnenschein – wieder in den Greenway einbiege.

Kurz bevor ich zurück in Dungarvan bin radle ich praktisch schon ‚auf dem Zahnfleisch daher‘. Etwa fünf Stunden nach meinem morgendlichen Start gebe ich total müde das Radl ab und begebe mich dann umgehend in den nächsten Supermarkt, denn von Magie alleine kann man auch nicht leben 😉