Haithabu, die Wikingerstadt

Haithabu, die Wikingerstadt

1. Juli 2018 1 Von Claudia

Alles begann mit einem Buch: „Das Buch Haithabu. Die Aufzeichnungen eines Mönchs aus der Wikingerzeit.“ Haithabu, eine florierende Wikingerstadt in Deutschland. Ein Handelszentrum. Das ist ja cool! Das muss ich besuchen!

Schleswig, Ende Mai 2017

Als Haithabu (link zur Website vom Schloss Gottorf) Mitte des 11. Jahrhunderts zerstört wurde, bauten die Menschen auf der anderen Seite der Schlei die Siedlung neu: Schleswig! Seither liegt dort das Zentrum – und dort hatte ich folglich auch Quartier genommen. Voller Elan zog ich los ins etwa 3 km entfernte Haddeby, wo die rekonstruierte Wikingerstadt Haithabu (engl. Hedeby) liegt.

Haithabu, Ende Mai 2017

Kurz bevor ich die Wikingerstadt erreiche, merke ich plötzlich, dass ne Toilette nicht schlecht wäre. Ich schaute mich um. “Gibt’s hier kein Café oder so, wo ich mal schnell austreten könnte?” Ist ja noch nicht so dringend, aber auf Reisen geht man besser rechtzeitig, nicht wahr?

Dann fiel mein Blick auf ein hölzernes blaues Dixi-Klo. Ich habe den Türgriff schon in der Hand, als ich stolpere.

vworp vworp vworp

Haithabu, Ende Mai 917

Grad noch rechtzeitig kann ich mich abfangen. “Puh, das war knapp! Na, vielleicht besser doch auf ne richtige Toilette im Wikingerdorf hoffen?! Es ist ja nicht mehr weit”, beschließe ich und setze meinen Weg durch den Wald fort. Auf geht’s, zu den Wikingern!

Als ich aus dem Wald heraustrete, sehe ich den Stadtwall. Davor weiden auf einer saftigen Wiese Schafe. Hm, die Rasse hab ich ja noch nie gesehen? Ah, das muss ne mittelalterliche Schafrasse sein. Ich schau sie mir begeistert an. Cool!

Ein Stück weiter grasen Galaway-Rinder. Ich beobachte sie eine Zeitlang. “Die Wikinger hier haben wunderbare Rinder, nicht wahr?”, spricht mich jemand an. “Aber die hier sind leider nicht zu verkaufen.” Er seufzt. Die Rinder jedoch kauen zufrieden.

Ich folge einer Gruppe Leute in die Stadt. Auf hölzernen Gehsteigen bewege ich mich zwischen den Häusern hindurch. Etwas uneben, aber die bleiben bestimmt auch bei Regen relativ sauber. Handwerker bieten vor ihren Häusern ihre Waren feil. Messer, getöpfertes, Schmuck, …

Neugierig betrete ich eines der Häuser. Es ist in drei Bereiche unterteilt. Im vorderen Bereich stehen allerlei Sachen herum, u.a. auch ein Webstuhl. Der nächste Bereich beinhaltet eine Kochstelle in der Mitte und seitlich Podeste, die mit Fellen und Taschen bedeckt sind. Es ist echt voll hier. Einige packen Sachen aus, andere ein und die nächsten kochen sich grad was.

Mit den Worten “Die Herberge ist voll!”, werde ich plötzlich nach draußen geschoben, noch bevor ich den Backofen aus Lehm im hinteren Teil genauer begutachten kann.

Ehrlich gesagt bin ich etwas enttäuscht von Haithabu. Ich habe die Bilder von den  Wikingerbauten aus Jorvik im heutigen York (link zur Website vom Jorvik Viking Centre) im Kopf, die mir einst den Atem geraubt hatten. Aus welcher Zeit stammten die noch gleich? Hm, das müsste etwa hundert Jahre nach der Zerstörung Haithabus gewesen sein. Ob das alleine erklärt, warum es in Jorvik zweistöckige, unterkellerte Gebäude gab und hier nicht?

Gedankenversunken folge ich einer Gruppe von Leuten zum Hafen. Eine riesige hölzerne Landungsbrücke ragt ins Wasser. Schiffe sind dran festgemacht und löschen ihre Ladung bzw. werden beladen oder repariert. Ein höllisches Spektakel, denn zeitgleich wird dort fleißig Handel getrieben, so dass die Landungsbrücke fast einem Marktplatz ähnelt.

Ich sehne mich zum ruhigen l’Anse aux Meadows und dem dortigen Wikingerdorf (link zur Website von Parques Canada) mit den heimeligen Grassodenhäusern zurück. Damals auf Neufundland war es so schön ruhig. Wann hatte Leif Eriksson noch gleich Neufundland erreicht? Ums Jahr 1000 herum war das, glaube ich, also etwa um die Zeit, in der Haithabu zerstört wurde…

Rüde werde ich zur Seite geschoben. Hier soll Ware gelagert werden und ich steh offensichtlich im Weg und so wende ich mich wieder der Stadt zu.

In der Menschenmenge vor dem Versammlungshaus bekomme ich zufällig ein Gespräch mit, in dem es darum geht, dass es auch Christen gäbe in Haithabu. Christliche Begräbnisse seien somit möglich, aber man könne sich natürlich auch mit allem notwendigen für die Fahrt nach Walhall bestatten lassen. Es gäbe mehrere Friedhöfe… Eine Gruppe Kinder läuft schreiend vorbei und ich schlendere weiter.

Ich folge dem kleinen Bach, der quer durch die Stadt läuft und bleibe vor einem niedrigen Zaun stehen. Im Garten sind Hochbeete. Eine Frau steht im Garten und fragt mich wo ich herkomme. Sie fände es immer spannend, wenn Schiffe an den Landungsbrücken lägen und die Stadt voller Besucher aus fernen Landen sei.

„Hier in Hedeby oder Schleswig …“, sie unterbricht sich, als ich sie verwirrt anschaue. “Oh, das wisst Ihr nicht? Die Stadt hat offiziell zwei Namen. Die Leute aus dem Norden sagen Hedeby und die aus dem Süden Schleswig zur Stadt.” – “Und ich dachte Schleswig hätte erst die neue Stadt, geheißen, die nach der Zerstörung von Haithabu im 11. Jahrhundert gebaut wurde?”, frage ich.” – “Haithabu?”, fragt sie verirrt und fügt ängstlich hinzu, “Seid Ihr eine Weise, dass ihr die Zukunft vorhersehen könnt?” Die Zukunft vorhersehen? Ich überlege … “Aber welches Jahr…”, setze ich zögernd an. “Wir sind im Jahr 917…”, sagt plötzlich eine Stimme hinter mir.

Erschrocken wende ich mich um, trete einen Schritt zurück und stolpere dabei über den niedrigen Zaun…

Im Fallen schließe ich die Augen und erwarte den Aufprall. In diesem Moment höre ich:

vworp vworp vworp

Haithabu, Ende Mai 2017

Vorsichtig öffne ich die Augen und sehe, dass ich  im Gras liege – vor einem blauen Dixi-Klo …