Der Damm des Riesen

Der Damm des Riesen

12. Februar 2019 0 Von Claudia

Finn’s Oma steigt grad den Hügel zu ihrer Hütte hoch.

Im Oktober 2014 war ich an der Nordküste Irlands unterwegs. An einer Klippe traf ich auf eine sehr große alte Frau, die mir die Geschichte von ihrem Enkelsohn Finn und dem schottischen Riesen erzählt:

Finn McCool heißt eigentlich Fionn Mac Cumhaill, der in der Bucht unten am Meer wohnt. Wenn er übers Meer blickt sieht er an klaren Tagen am Horizont eine Küste, Schottland.

Dort lebt der Riese Benandonner, der von seiner Küste aus natürlich an klaren Tagen ebenfalls eine Küste am Horizont ausmachen kann. Die Küste von Irland. Eines Tages dachte er, dass ihm das doch gefallen könnte, das verheißungsvolle Land da am Horizont zu erobern. 

Finn, dem Riesen aus Irland, kam das zu Ohren und war, wie ihr euch vorstellen könnt, alles andere als erfreut. Er wollte dem schottischen Riesen zuvorkommen und diesen schnell in seine Schranken weisen. Er baute daher einen Damm (Causway) von seinem Vorgarten aus hinüber zur fernen Küste am Horizont. 

Aber das war echt eine schlechte Idee! Benandonner war nämlich noch größer und viel kräftiger als Finn. Als Finn drüben ankam bekam er einen Schreck, drehte sich um und nahm die Beine in die Hand. Er rannte vor seinem Widersacher davon, über seinen Damm zurück nach Hause. Dabei verliert er einen Schuh, der heute noch irgendwo in der Bucht herumliegt. Benandonner dagegen, siegesgewiss, kam ihm schnellen, aber noch würdigen Schrittes hinterher. 

Finns Frau sah ihren Mann heraneilen und den schottischen Riesen am Horizont – und ahnte sofort was passiert war. Sie war glücklicherweise sehr einfallsreich und verkleidete Finn als Baby. Als Benandonner eintraf und die Hütte nach Finn durchsuchte sah er das große Baby. Er wurde blass. Wenn das Baby des irischen Riesen so groß ist. Wie groß wäre dann erst der Vater, also Finn, sein Widersacher?! Er kehrte schnellen Schritts und mit zitternden Knien über den Damm zurück nach Schottland und riss den Damm des Riesen (Giant’s Causway) hinter sich ein.

Er ist nie mehr wiedergekommen, der schottische Riese, und Finn und seine Frau leben mit ihrer Familie  bis zum heutigen Tag glücklich dort am Meer, im Norden von Irland, an der Antrim Coast.

Am Fuß der Klippen liegt Finn’s Kamel am liebsten. Offenbar mag es das Meeresrauschen. Ein Kamel, fragt ihr? Was denn sonst? Finn braucht doch ein schnelles Fortbewegungsmittel, damit er, egal was er auch unternimmt, Abends immer rechtzeitig zu Hause ist um seinem Sohn Gute-Nacht-Geschichten zu erzählen.

Ich lasse das Kamel in Ruhe schlafen und laufe ein Stück den Strand entlang um die Reste des Damms zu suchen, den Finn gebaut hat  – und ganz hinten am Horizont, ein Stückchen weiter rechts, kann man bei klarem Wetter die Küste von Schottland sehen.

Finn’s Großmutter hatte mir erzählt, dass ihr Enkel am Ende der kleinen Bucht wohnt. Man man rechts oben die Schornsteine von Finne Hütte. Wenn er zu Hause ist steigt rauch auf. Kein Rauch. Schade, dass er nicht da ist. Ich hätte mich gern mit ihm unterhalten und ein Riesen-Tässchen Tee getrunken.

Ich drehe also um und werfe auf dem Rückweg noch einen Blick auf Finn’s Orgel. Wer am Weihnachtstag früh morgens dort steht, kann Finn darauf spielen hören.