Auf zur Quelle!

Auf zur Quelle!

11. März 2019 Aus Von Claudia

Mitte März 2019 nahm ich das letzte Stück der Themse in Angriff. Von Oxford aus gehts in drei Etappen bis zur Quelle der Themse (Thames Head). Alles war vorbereitet, doch für den überraschend vorhergesagten Sturm mit Böen bis zu 90 km/h hatte ich keinen Alternativplan …

10. Etappe: Oxford – Lechlade-on-Thames (ca. 50 Themsen-Kilometer)

Für diese Etappe hatte ich zwei Alternativpläne. Bei schlechtem Wetter würde ich die ganze Strecke mit dem Bus fahren und bei gutem Wetter den Bus in Faringdon verlassen und von dort aus zur Themse und dann dem Thames-Path folgend an mein Tagesziel wandern

Aber erst mal zurück nach Oxford ins Hostel: Nach einer wegen ner Schnarcherin, nem Feueralarm und Handys fast schlaflosen Nacht trinke ich in der Lobby erst mal gemütlich Tee. Ich hab Zeit, da ich erst um 15.30 Uhr ins nächste Hotel einchecken kann. Erst am späten Vormittag breche ich daher Richtung Busbahnhof auf. Proviant kaufe ich mir im kleinen Supermarkt am Bahnhof an dem ich vorbeilaufe. Nun geht’s weiter – immer Themsenaufwärts!

In Oxford weht ein kalter Wind durch den Busbshnhof. Ich steige in den Bus ein und entscheide mich ein Ticket nur bis Faringdon zu lösen. Auf der Fahrt regnet es erst schwach und dann schüttet es. Regen und Wind?! „Na, das kann ja heiter werden!“, denke ich mit Galgenhumor.

Als ich in Faringdon aussteige ist der Regen vorbei. Ich orientiere mich und finde dank Kartenapp mit Navi schnell die Straße nach Radcot. Dort werde ich in etwa 4 km wieder auf die Themse und den Thames Path treffen. So Landstraßen sind recht schmal und haben keinen Bürgersteig. Bei jedem Auto das kommt weiche ich auf das Wiesengestrüpp am Straßenrand aus. Nur nicht überfahren werden!

Ich komme aber dennoch zügig voran und treffe in ner knappen Stunde auf die Themse. Links schwenk und in den Thames Path einbiegen! Es ist ein wunderschöner Trail, der neben der Themse durch eine Ebene führt und es kommt sogar die Sonne raus. Wunderschön!

Aber – es ist sehr windig. Und er bläst mir meist entgegen. Einige Male muss ich sogar einen Ausfallschritt machen um nicht umgeweht zu werden, denn so ein Rucksack bietet halt viel Angriffsfläche. Ich merke im Lauf der Zeit, dass es recht anstrengend ist, so gegen den Wind zu wandern.

Die Themse ist hier nicht mehr sehr breit, aber wird noch von Schiffen befahren und ich komme an einigen Schleusen vorbei. Dort gibt’s immer Bänke, was ich dankbar für Picknickpausen in der Sonne nutzte. Nach Lechlade wird das aber vorbei sein. Keine Schleusen mehr und keine Schiffe…

Es ist wahnsinnig anstrengend gegen den Wind zu wandern und so bin ich heilfroh als ich in der Ferne einen Kirchturm sehe und der Karte entnehme, dass die Lechlade sein muss. Nicht mehr weit! Die Füße tun mir weh (man beachte den Plural!). Ich bin müde. Zu wenig geschlafen, zu viel Wind und dafür eigentlich zu lange gelaufen…

Und dann bin ich da! Dort, gleich nach der Brücke hab ich ein Zimmer reserviert und damit das Ziel dieser Etappe erreicht nach 17 km gehen, davon etwa 10 km am Thames Path.

Das Städtchen Lechlade-on-Thames ist (in Wanderrichtung gesehen) das Ende der schiffbaren Themse. Früher mal ein bedeutender Hafen, heute ein Mini-Städtchen in dem es immerhin einen 7/7 days geöffneten Mini-Supermarkt gibt. Aber außer die Themse gibt’s hier nicht viel zu sehen.

11. Etappe: Lechlade-on-Thames – Cricklade (ca. 18 km)

Am Vorabend bin ich unsicher. Die Böenwarnung steht bei den deutschen Wetterdiensten. Dagegen schreibt der britische Wetterdienst, dass die Winde am Sonntag Vormittag abnehmen. Und nun?

Shit! Sonntags fährt hier kein Bus, also hab ich zwei Optionen: bleiben oder wandern… Ich entscheide mich im Lauf des Abends und nächsten Vormittags mehrmals um. Bleiben, gehen, bleiben, oder doch gehen? Nein, bleiben, andererseits … Nach dem Frühstück beschließe ich dann spontan es zu wagen – und ziehe los.

Bald schon komme ich an die Stelle an der sich Themsenkanal und Themse treffen und folge der Themse nach links. Dort treffe ich auf ein Schild, dass sich die Route geändert hat und der Weg nun an der Themse entlang führt. Coole Sache!

Ich durchquere ein kleines „Waldgebiet“ und dann frischt der Wind merklich auf. Hatte der Wetterdienst noch … Oh Mist! Wenn die Vormittag schreiben meinen die wohl auch nur Vormittag?! Nun ist mir der Rückweg praktisch angeschnitten, denn bei dem Wind geh ich unter den vielen Bäumen bestimmt nicht mehr durch! Also weiter!

Ich kämpfe gegen den Wind an, muss auch wieder mal den ein- oder anderen Ausfallschritt machen und versuche nicht unter Bäumen durchzulaufen. Da stehen aber auch viele von den Dingern! Ich bin angespannt und hoffe ich drauf, dass keine allzu starken Böen kommen.

Pause machen geht nicht, denn selbst bei Trinkpausen kühlt man wegen des Windes schnell aus. Also weiter. Regenschauer. Regenhülle über den Rucksack und weiter. Der Untergrund ist häufig ne rutschige Matschschicht, weiter! Ich bin total happy meine knöchelhohen Goretex-Wanderschuhe schnell noch vor der Abreise gekauft zu haben, die sind heute Goldwert!

Weiter, immer weiter! Zwischendurch mal ein Stück von der Themse weg, dann wieder direkt nebenher. Schritt für Schritt gegen den Wind durch eine wunderschöne Landschaft – mit dem mulmigen Gefühl, dass jederzeit ein Ast durch die Gegend fliegen könnte. Oh, oh, …

Zwischendurch legt sich der Wind immer wieder mal für ein paar Minuten und da die Sonne scheint bin ich in dieser Zeit viel zu warm angezogen – doch wenn dann gleich danach dann ein böiger Graupelschauer kommt ziehe ich mir, dankbar für die stabile Wind- und Regendichte Goretexjacke (die blöderweise recht schwer ist), die Kapuze schützend ins Gesicht. Die Dinger tun nämlich richtig weh! Glücklicherweise schien aber meistens die Sonne zwischen den Wolken durch. Schritt für Schritt geht’s ohne Pause auf Cricklade zu!

Auf der ganzen Strecke kamen mir dreimal Wanderer und zweimal Hundehalter und einmal ein Jogger entgegen, nur gut, dass ich nicht die einzige Blöde bin, die bei dem Wetter rausgeht! Dann, endlich, taucht am Horizont der Kirchturm von Cricklade auf. Luftlinie sind’s noch 2 1/2 km. Meine Geschwindigkeit lässt schlagartig nach. Gefühlt schlurfe ich nun nur noch dahin. Die Füße tun mir weh und ich kann sie kaum noch heben. Nur jetzt nicht mehr ausrutschen! Oh Mann, ich will mich nur noch ausruhen!

In Cricklade angekommen war ich nur 3 1/2 statt der geplanten 4 1/2 Stunden unterwegs. Meine Hose ist bis zu den Knien voller Matsch, über die Schuhe brauchen wir erst gar nicht reden! Netterweise lassen die mich im Old Bear Inn gleich ins Zimmer – eigentlich wäre Check In nämlich erst drei Stunden später gewesen. Glück gehabt! Jetzt kann ich mich matschfrei machen und erst mal die Füße hochlegen bevor ich (ein paar Stunden später) den Ort erkunde und Essen kaufe.

Ich bin völlig fertig und – das war so ein geiler Tag! Abenteuer pur!

12. Etappe: Cricklade – Quelle (ca. 20 km)

Da am Morgen niemand vor Ort war verlies ich das Inn durch den Innenhof und Parkplatz, den Schlüssel im Zimmer lassend. Bei strahlendem Sonnenschein folgte ich der Themse weiter nach Westen. Die letzten 12 Meilen bis zur Quelle! Ob das Wetter hält?

Kurz nach nach dem Start hab ich mich am Ortsrand gleich mal verlaufen. Eine Frau beschrieb mit total nett den Weg zur Themse, zwar falsch, aber ich wollte, da sie so bemüht war mir zu helfen, ihren Ratschlag nicht in den Wind schlagen. Ich ging also um die nächste Ecke rum und dann half mir mein Handy zurück zum Thames Path. Dummerweise wusste nun aber nicht welche Richtung ich einschlagen sollte um Flussaufwärts zu kommen. Zum Glück waren da zwei Frauen, die grad Pferde sattelte. Die eine half mir dann weiter. Hinterm Stall rum, über die Pferdekoppel geht’s Richtung Quelle. Dann also weiter!

Schon bald traf ich aufs nächste Hindernis. Der Weg führte über ne Überflutungswiese – die überflutet war. Ich versuchte es erst außen herum, aber da hatte ich keine Chance. Zwei andere Wanderer wollten mir mit Hilfe ihrer Wanderkarte weiterhelfen, aber es gab keine Ausweichwege. Also war klar: Ich muss da durch! „I can’t see you passing through.“, meinte er und dann als ich ihm sagte, dass ich es trotzdem versuchen werde „Good luck!“

Ich schnappe mir einen festen Stock als Stocher- und Gehhilfe und gehe an der Überflutung entlang. Hm, die Äste da hinten helfen nicht weiter. Vorne ist es zu tief… Dann sehe ich einen Pflock in der Wiese stecken. Dort ist es etwas seichter – und jemand hat schon Ziegelsteine ausgelegt. Da ich in meiner Jugend viel Karl May gelesen habe erkenne ich es sofort: Eine Furt! Hm, die Ziegel liegen bereits ein Stück unter Wasser, aber … Ich versuch’s!

Auf den Stock gestützt trete ich von Ziegelstein zu Ziegelstein. Am Ende noch zwei vorsichtige Schritte ins überschwemmte Gras und ich bin drüber! Und: Hey, die Schuhe haben gehalten! Der Kauf war so ne tolle Idee, hatte ich das schon mal erwähnt? 😉

Ich folge der Themse am Ufer entlang und dann geht’s dann erst mal durch ein Seengebiet. Freizeitseen, Fischteiche – und irgendwie mache ich keine Fotos. Naja, tolle Gegend und viel Wasser aber halt keine Themse. Durch nen Ort und dann hab ich sie wieder, die Themse!

Die Themse wird immer jünger, kleiner, romantischer, … Frisches Grün am Ufer und auch im Wasser. Vögel zwitschern am Ufer. Ich sehe Feen und andere Fabelwesen am und im Wasser spielen.

Was ich vermissen werde, denke ich plötzlich, ist das Klicken der Viehgatter beim Öffnen und schießen, dass ich die letzten Tage laufend im Ohr hatte, da der Weg über viele Weiden führt.

Ich folge der jungen Themse durch Weiden und dann nen noch laublosen Laubwald. Dann muss ich eine Straße überqueren und der Weg führt vom Wasser weg, aber ich sehe in der Ferne noch wo die Themse fließt. Über ne Straße, noch ne Wiese. Ich seh noch Gebüsch, aber Wasser scheint da nicht mehr wirklich zu sein.

Ne Mauer , noch ein Tiergatter und quer über ne Wiese – und dann seh ich ihn da stehen, den Stein, der die Quelle der Themse kennzeichnet – symbolisch, denn ne richtige Quelle gibt’s nicht. Fast das ganze Jahr über gibts hier kein Wasser.

Blöderweise steht der Stein am Rand eines Ackers auf dem grad gearbeitet wird. Mein Plan dort zu picknicken und das erreichen meines Ziels zu feiern fällt ob der optisch sehr wenig ansprechenden und lauten Umgebung flach.

Der Stein, der die Quelle der Themse markiert

Ich hab mein Ziel erreicht, aber ich fühle irgendwie gar nichts. Das Ende war zu unspektakulär.

Auf dem Weg zum B&B Läufe ich nochmal an der Baby-Themse entlang und die plätschert munter vor sich hin und nun erst kommt ein Grinsen auf mein Gedicht. I did it! Ich hab’s tatsächlich getan und hab die 294 km von der Thames Barrier bis zur Quelle zurückgelegt!

Ich hab mein Themsenabenteuer erfolgreich abgeschlossen. Es war so viel spannender und abenteuerlicher als ich’s mir damals vor vielen Jahren als ich mir vorgenommen hatte die Themse entlangzureisen, vorgestellt hatte! Gigantisch!

103 km gewandert + Schiffjoker von der Thames Barrier bis Hampton Court, also quer durch London (59 km) + diverse Zugjoker von Hampton Court nach Oxford (insgesamt 95 km) + ein Busjoker von Oxford nach Faringdon/Radcot (39 km)

The End