A Beach and Mountain Challenge

A Beach and Mountain Challenge

5. November 2018 0 Von Claudia

Ich hatte mich für den in Conwy stattfindenden North Wales Half Marathon angemeldet. Wie ich später feststellte, verlief dieser zum Großteil auf den beiden Alternativrouten des Wales Coast Path in dieser Gegend. Die eine Hälfte am Meer entlang  nach Westen und dann rauf auf  den „Berg“ und oben einen Trail entlang zurück nach Conwy. „A Beach and Mountain Challenge“ ist das Motto des Laufs – und das war es auch!

Nach einer unruhigen Nacht (siehe Blogpost Wales Coast Path Nordküste) stelle ich am nächsten Morgen als erstes fest, dass es weit kälter ist als am Vortag und es regnet. Der erste Regentag meines Urlaubs – und das ausgerechnet heute! Na, dann kann man nichts machen. Für den Lauf hatte ich mir eine Skizze gemacht und sowohl Meilen (so ist die Strecke ausgezeichnet) als auch Kilometer (die kann ich abschätzen) aufgeschrieben und wann ich wo spätestens sein möchte. Ich verpackte ich die Planung für den Lauf wasserdicht und ziehe los.

Ich ziehe einen dieser Plastikumhänge über, damit mein Hoodie nicht nass wird, den ich ja nach dem Lauf als trockenes Kleidungsstück anziehen möchte. Angekommen an der Marina beim HQ bekomme ich erst mal ne neue Startnummer. Die haben sie 10 Tage vor dem Lauf verschickt und ich hab sie (natürlich) nicht bekommen. Hätte mich auch gewundert, da war ich ja schon in Wales unterwegs…

Im Regen stehe ich nun mit den anderen am Strand herum. Oh, Regentropfen, die ins Meer fallen machen auch Ringe! Hm, ich glaub, ich bin zum ersten Mal bei Regen an nem Strand. Es war Arschkalt und hat weiterhin geregnet und ich frage mich ob es tatsächlich ne gute Idee war hier teilzunehmen. Noch vor dem Start waren meine Socken und Füße nass. Na super!

Eine Viertel Stunde vor Start gebe ich den warmen Hoodie ab und stehe nur noch in Laufklamotten sowie in Plastik gehüllt da. Stoisch stehen andere gänzlich ohne Regenschutz im T-Shirt im Regen. Wir warten. 

Es ist echt kalt. Wir frieren. Zumindest ich. 

Meine Stimmung ist zu der Zeit auf dem Nullpunkt. Hätte ich doch besser ein langes Shirt… Aber wenn das dann nass wird, ist das bestimmt noch unangenehmer. Und dann ist da der Wind. Ich werde beim Laufen elendiglich frieren, oder? Und ich hab jetzt schon nasse Füße. Kann ich damit noch nen HM laufen? Warum nur hatte ich so ne blöde Idee. Total bescheuert im Regen zu starten! Soll ich einfach gehen? Jetzt verstehe ich auch warum die letztes Jahr so viele DNS’s hatten…

Wir sind bereits über der Zeit und dann endlich geht jemand durch und sagt uns, dass wir im Gras dort oben am Berg vorsichtig sein sollen, weil es glitschig ist. „Be careful, folks!“, dann sagt er noch, dass er jetzt startet. Ich reiß mir das Plastik vom Leib und packe es in die Gürteltasche. Sollte ich irgendwo liegenbleiben bin ich bestimmt froh drum. Der Regen fällt und wir laufen durch den Sand. Man sinkt ein. Es ist echt kacke am Strand zu laufen!

Nach einer Meile verlassen wir glücklicherweise den Strand und es geht auf dem Fuß-/Radlweg, der die Küste entlang führt, am Meer entlang weiter. Den Regen merke ich an sich nicht. Das Shirt wird nass, aber es stört nicht beim Laufen, wie ich überrascht feststelle. Kalt ist mir auch nicht. Alles im grünen Bereich also.

Nach etwa 4 1/2 Meilen gibt’s erstmals Wasser und dann geht’s flach weiter bis kurz vor Meile 5 (etwa 8 km). Hier geht’s jetzt links die erste Steigung hoch, die ich gehe.

Etwas enttäuscht bin ich jetzt schon, da ich bereits hier Trails erwartet hätte. Aber es ging entlang der Straße weiter, durch Orte. Immer wieder war’s mal flach oder die Steigung so, dass ich sie locker laufen konnte. Sobald es etwas steiler wurde ging ich. Ein Mädel neben mir bedankte sich: „It’s good that you are walking, makes me feel that it’s not a bad thing if I walk as well.“ Und so kamen wir immer höher hinauf.

Wir kommen in ein Dorf. Erinnert mich an ein Bergdorf. Ah, es gibt hier sogar ein Austrian Restaurant, dann lag ich ja gar nicht so falsch  *grins*. Dann gibt’s wieder was zu trinken. „Are you ready for Raspberry-Drink?“ Fragt mich einer der helfenden Kids. Sein Nebenmann brach ob der Frage in schallendes Gelächter aus und auch ich grinse und lehne dankend ab. Ich nehme mir ein Wasser. Besser keine Experimente mit Getränken.

Weiter gings bergauf und dann lassen wir das letzte Haus hinter uns und es führte eine Serpentinenstraße noch weiter hinauf. Ich sah hier keinen mehr, der noch gelaufen wäre. Wow, der Blick zurück in Tal ist klasse!

Endlich sind die etwa 350 Höhenmeter zurückgelegt und es mehr oder weniger flach weiter – auf  coolen Trails! Ich bleibe bei meinem Plan bergauf zu gehen und nur dann zu laufen sobald es flach ist oder bergab geht. Zeit und Distanz hab ich bereits völlig verloren. Ich bin orientierungslos. 7 Meilen… Hm, das ist auf jeden Fall über die Hälfte, aber… Ach egal! Um schneller zu machen fehlen mir Willensstärke und Kraft. Alles was ich tun kann ist so weiterzulaufen wie es eben geht. Ich mache tolle Bilder über die Berge und runter auf Conwy. Plötzlich wird mir bewusst, dass es ja gar nicht mehr regnet. Wann genau hatte es aufgehört? Ich hatte es gar nicht bemerkt. Ach, ist ja egal. Ich grinse, genieße die Aussicht und fotografiere – und finde das Laufen auf den flachen Passagen des Trails absolut super. Hier teilzunehmen war die beste Idee überhaupt!

Dann, der letzte Anstieg, rauf auf den Gipfel. Weit unter mir sehe ich die Marina und kann den Start/Zielbereich erahnen. Anschließend geht’s steil bergab. Ich muss mehr bremsen als ich gerne machen würde, denn es ist echt glitschig. Ich bin heilfroh, dass ich die Trailschuhe angezogen habe.

Immer weiter geht’s nach unten und dann geht’s doch glatt über eine Absperrung, so einen Wanderer-Tritt über den Zaun, wie ich sie aus dem Allgäu kenne. Ich frag mich kurz ob ich mich nicht doch verlaufen habe, aber dann seh ich schon wieder einen Helfer stehen, der mir den richtigen Weg weist. Zum X-ten mal höre ich „Well Done!“ Die Helfer sind nass und frieren bestimmt. Trotzdem motivieren Sie jeden Läufer, der an ihnen vorbeikommt! Ganz große Klasse, die Volontiers!

Nun geht’s rein nach Conwy. Es gibt zum dritten und letzten Mal was zu trinken. Meile 10. Wie lang ist nochmal ein Halbmarathon? 11 Meilen? Ich schaue auf die Uhr. Das wäre dann ne Zeit um knapp über zwei Stunden. Kann gar nicht sein, also doch 13… Noch drei Meilen, das sind… Das sind 3 x 1,8 … Nein, 3 x 1,6 km, das sind… Ach was solls! Ich kann nicht mehr rechnen und die Skizze, die ich mir gemacht hatte, habe ich komplett vergessen.

Ab jetzt kenne ich die Strecke, die bin ich zwei Tage zuvor gelaufen, aber ohne den Umweg, der noch kommt. Teerweg, der auf eine Seite hängt. Das mögen weder mein Knie noch die Hüfte. Mist! Außerdem hätte ich jetzt lieber die anderen Laufschuhe an. Es hilft nichts. Weiter! Rechts über die Autobahn, dann links abbiegen … Ich gehe auf der vorletzte Meile immer wieder mal, auch dort wo es flach ist. Die Muskeln tun weh. Jetzt machen sich die zu wenigen Trainingskilometer der letzten Monate schmerzhaft bemerkbar. Aber es war halt einfach zu heiß fürs Training.

Als kleiner Drachen will ich Sachen machen, die ein alter nicht tut … Ich kreiere einen Ohrwurm, ein Mantra! Ich will Feuer spucken, mich an Bäumen jucken, ja, und fauchen kann ich auch ganz gut… Singe ich immer wieder lautlos vor mich hin. Schritt für Schritt hilft mir so Peter Maffays Tabaluga näher zum Ziel.

Bei Meile 12 geht’s runter an den Strand „Last mile, just straight on!“ ruft mir der Helfer entgegen. Oh je, ne ganze Meile noch?! Und das im Sand! Sobald ich am Strand im Sand versinke gehe ich. Hier kann ich nicht laufen, jetzt nicht mehr! Wo der Sand fester ist laufe ich. Wo ist nur das Ziel? Dann eine Meile so lang sein, dass man am flachen Strand das Ziel nicht sieht? Verzweifelt blicke ich über die unendliche  Sandwüste und versuche ich etwas zu erkennen…

Ein Mann in grüner Laufhose kämpft genauso wie ich. Ich will schon aufgeben und den Rest gehen, da steht seine Frau mit Hund da und motiviert ihn zum Laufen. Ich lass mich einfach mit motivieren und laufe auch wieder. Dann überhole ich ihn sogar. Ich sehe das Ziel!

Der Sand wird wieder tief, ich laufe trotzdem weiter. Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Eins, Zwei, … Jetzt zähle ich. Neues Mantra. Und dann schaffe ich sogar eine leichte Beschleunigung. Ich bin durch! Mir wird ne Wasserflasche in die Hand gedrückt. Erst jetzt denke ich daran meine Uhr zu stoppen. 2:40:59. Wahnsinn! Ziel war ja (wegen der ca. 350 Höhenmeter) unter drei Stunden zu bleiben – und nun hab ich dieses um 20 Minuten unterboten!

Dann entferne ich mich vom Strand.  T-Shirts und Medaillen gibt’s am Parkplatz. Ich gehe noch ein paar Schritte weiter, bleibe dann stehen und ziehe meine nassen Sachen aus und das neue trockene T-Shirt sowie meinen Pulli an. Anschließend hinke ich die Meile zurück in die Stadt. Hotel. Essen. Trinken. Badewanne. Nur langsam stellt sich das Grinsen ein. Aber dann, irgendwann, halte ich grinsend die Medaille in der Hand: I did it! I finished the North Wales Half Marathon!

Noch ein paar Fakten zum North Wales Half Marathon 2015: Es starteten 376 Läufer/innen. Eine/r kam leider nicht ins Ziel. Weitere 75 angemeldete Läufer/innen starteten gar nicht erst.Die schnellste Zeit war bei den Männern 1:20:51 Std und bei den Frauen 1:42:33 Std. Die langsamste Zeit war bei den Männern 3:10:36 und bei den Frauen 3:26:18. Meine offizielle Chip-Zeit ist 2:40:39.

Was ich bisher vom Wales Coast Path gesehen habe ist nicht viel, aber es hat mich total geflasht! Die Küste von Wales ist traumhaft schön und ich hoffe, dass dies nicht mein letzter Besuch dort war. Vielleicht folgt ja mal ne Fortsetzung.